Wir sind mächtiger als wir glauben

Die geballte Faust als Zeichen für Widerstand

Die geballte Faust als Zeichen für Widerstand

Dröhnende Lautsprecherdurchsagen, vibrierender Boden, Pfeifen, Stimmengewirr. Egal ob bei Eiseskälte oder sengender Hitze: Menschen versammeln sich um zu demonstrieren. Auch, wenn es unangenehm wird.

Aber was bedeutet es, für jede*n Einzelne*n und die Gemeinschaft auf die Straßen zu gehen und sich die Seele aus dem Leib zu brüllen? In aller Öffentlichkeit für seine Ideale einzustehen? Besonders in Zeiten der Digitalisierung, wo sich jede*r über ein Thema auskotzen und es teilen kann ohne die Konsequenzen dafür zu tragen?

Wir haben uns umgehört, unter anderem auf der “Wir haben es satt”-Demo Ende Januar 2017 in Berlin:

Erhard, 67, Rentner
“Ich gehe seit 1977 auf die Straßen, um gegen Agrarkonzerne zu demonstrieren. Wir hatten einen Gemeinschaftsladen, der damals direkt beliefert wurde. Da kam die Milch frisch von der Kuh. Heute ist das nicht mal mehr erlaubt. Kontinuität spielt für mich eine Rolle, deswegen mache ich es jedes Jahr wieder.”

Ein Paar vom Bodensee, Landwirte
“Wir kommen zur Demo, weil’s geil und wichtig ist. Es muss sich etwas ändern und alle sind dabei. Die Bauern, die Parteien, Demeter und Interessierte von überall aus Deutschland.”

Jens-Martin, 44, Leiter des Kampagnenbüro BUND Brandenburg

Jens-Martin, 44, Leiter des Kampagnenbüro BUND Brandenburg

Jens-Martin, 44, Leiter des Kampagnenbüro BUND Brandenburg
“Wir leben in einem Land in dem wir das Recht haben zu protestieren. Und solange ich demonstrieren kann, will ich das tun, auch wenn ich nicht immer direkt betroffen bin – spätestens meine Kinder werden es sein. Es ist eine einmalige Gelegenheit zu zeigen, dass es eine bunte Zivilgesellschaft gibt, die mitgestalten will. Viele Entscheidungen fallen bevor wir überhaupt handeln können, deswegen müssen wir den politischen Weg gehen.”

Für Themen einstehen, die sonst unter den Tisch fallen

Demonstrieren ist ein starkes politisches Mittel, das wir ohne Furcht nutzen können. Wenn wir mit dem politischen System unzufrieden sind, können wir einfordern, dass sich etwas verändern oder reformieren soll. Nur, wenn Politiker*innen verstehen, dass sich die Bürger*innen für etwas einsetzen, können sie entsprechende Gesetze vorschlagen und erlassen. Dann tut sich etwas.

Ganz anders als, wenn wir lethargisch auf dem Sofa sitzen und darüber schimpfen, was im Fernsehen passiert. Mit Demos lenkt man die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit auf prekäre Themen, die jede*n betreffen, aber im Alltag unter den Tisch fallen. Wenn Medien über Aufmärsche und Aktionen berichten – und das werden sie ganz bestimmt, überschreitet das Grenzen. Würden wir von gekürzten Benzin-Subventionen in Mexiko erfahren, würden die TV-Sender nicht über eine riesige demonstrierende Masse berichten? Wohl kaum.

Nina, 27, Studentin
“Ich demonstriere für Dinge, die mit meinem Leben zu tun haben.”

Ciara, 21, Studentin
“Ich habe das Gefühl, dass es das Einzige ist, was ich tun kann, um meine Meinung im politischen Diskurs zu äußern. Mich stört aber, wenn sich Demos hinter undifferenzierten Slogans verschanzen und sich eine mobile Bubble bildet.”

Zoe, 23, Studentin
“Meine Freunde und ich, waren damals selbst von der Bildungspolitik-Reform betroffen. Demonstrationen sind ein demokratisches Mittel das uns zur Verfügung steht und wir nutzen müssen. Außerdem ist es spannend, wenn ähnlich Interessierte zusammenkommen. Dann ist die Stimmung immer gut.”

Der Women’s March on Washington mobilisierte fünf Millionen Menschen

Das “Für” und “Gegen” der Einzelnen ist Grundlage einer starken Gruppendynamik. Wie zarter Neuschnee, der mit dem richtigen Wind zur Lawine wird und mit voller Wucht Wände einreißen kann. Wir werden beflügelt, wenn wir wissen, dass wir mit unserer Meinung nicht allein dastehen.

Nach Donald Trumps Amtsantritt mobilisierte der “Women’s March on Washington” fünf Millionen Frauenrechtsvertreter*innen auf der ganzen Welt. Von Argentinien, über Deutschland, Finnland nach Russland, Süd-Afrika bis -Korea und aus den Tiefen weiterer Länder, sendeten sie eine Botschaft nach Washington D.C.: Menschenrechte (nicht nur die, der Frauen) müssen bestehen bleiben und dürfen nicht unter Trumps Anti-Haltung leiden – ein dickes Statement. Genau darum geht es, aufzustehen und sich nicht alles gefallen zu lassen.

erschienen am 1. Februar 2017

 

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